aus der Tonne gefischt ...


stimmungsbild
Geschichten seit 1963
zusammengetragen und verfasst von Ueli Remund


Die Entstehung der TONNE

Der Laupener Sekundarlehrer Serge Leuenberger hatte seine Klasse fürs Theater begeistern können - so sehr, dass eine Handvoll Ehemaliger nach der Schulzeit fand, sie möchten weiterhin Theater spielen. Sie suchten in der Laupener Altstadt ein geeignetes Lokal und fanden einen der typischen Altstadtkeller, halb in den Sandstein gehauen und mit einem Ziegelsteingewölbe ausgemauert. Das Gewölbe gab dem Keller und damit der Theatertruppe ihren Namen: die Tonne. Die Handvoll junger Leute stellte in Fronarbeit vom Bühnenboden über die Vorhänge bis zu den Scheinwerfern alles selber her und begann Theater zu spielen - nicht etwa wie die Vereine rundum, bewahre! Man hatte Höheres im Sinn, zwang die schwerfälligen Berner Zungen zu geschraubtem Bühnendeutsch und spielte Mutiges - und vor allem Unverständliches von Grass bis Tardieu. Und gleichwohl mussten Kompromisse eingegangen werden. Der Keller diente den Besitzern weiterhin als Kohlenlager. Zwischen den Aufführungen konnte man die Bretter, die uns eine neue und spannende Weit bedeuteten, zur Seite schieben, so dass der Kohlenhaufen darunter wieder zum Vorschein kam.
(Anmerkung Urs Ruprecht: Serge Leuenberger hat mir gegenüber darauf hingewiesen, dass als eigentliche Gründer oder Initianten Ernst Gosteli und Otto Zutter gelten sollten.)

Kennedy und die Hauptprobe
Es war am 22. November 1963. Unser drittes Stück, das Drama "Die Gerechten" von Albert Camus, hatte Hauptprobe. Camus schildert den Gewissenskonflikt einer Terroristengruppe, die ein Attentat auf einen Grossfürsten im zaristischen Russland plant. Die jungen Terroristen diskutieren leidenschaftlich die Frage der Legitimation eines politischen Mordes. In der Pause kam ein Freund und sagte, er müsse etwas mitteilen, das er uns vor allem jetzt nicht gerne sage, aber es gehe nicht anders: Eben wäre im Radio gemeldet worden, in Dallas hätte man John F. Kennedy ermordet. Wir waren alle jung, leicht zu beeindrucken, und die Nachricht traf uns mit voller Wucht. Wir sassen herum, niemand im Stande, etwas zu sagen. An ein Weiterspielen war nicht mehr zu denken. Am nächsten Tag gab es auch in unserer Gruppe eine leidenschaftliche Diskussion, nämlich darüber, ob unsere Premiere stattfinden sollte. Wir spielten. Es war gespenstisch. In ruhigen Passagen hätte man eine Stecknadel fallen hören. Es wurde ein Theaterabend, wie er seiten gelingt. Das Publikum wagte kaum zu atmen vor Spannung und Betroffensein.


Morsche Bretter
Gegen die Feuchtigkeit war in unserem Keller kein Kraut gewachsen. Wir liessen tagelang einen Entfeuchter laufen - es half nichts. Der ganze Raum blieb feucht und roch entsprechend. Nach etwa zwei Jahren roch er nicht nur "muffig", sondern verdächtig nach Pilz. Wir rissen ein Brett des Bühnenbodens weg. Die Balken darunter waren mit einem weissen Schimmel überzogen. "Hausschwamm", beschied uns ein beigezogener Fachmann, "wenn ihr nichts unternehmt, könnt ihr die Balken bald von Hand abbrechen wie Lebkuchen." Wir fanden die Auskunft reichlich übertrieben, stellten zwar fest, dass der Boden immer etwas stärker federte, wenn man darüberschritt, nahmen das Ganze aber nicht besonders Ernst. Dann war das Cabaret "Berner Rohrspatzen" zu Besuch. Ihr Programm war durchsetzt von Tanznummern, und immer, wenn die Spatzen auf der Bühne zu hüpfen begannen, geriet diese gefährlich ins Schwingen. Harry von Graffenrieds Klavier federte mit, das Maskottchen der Truppe, ein Filzspatz, fiel vom Klavier herunter und bei der letzten Tanznummer glaubte man, übertönt von Klaus Rysers mächtigem Organ, ein Knacken zu hören. Auch schien Harry plötzlich irgendwie schräg auf seinem Klavierstuhl zu sitzen. Aber alles schien gut zu gehen. Nach dem Schlussapplaus gingen Serge Leuenberger und Ueli Remund auf die Bühne den Rohrspatzen die Federn schütteln. Das hätten sie nicht tun sollen! Ein dumpfes Krachen - und dann senkte sich der Bühnenboden in der Mitte zu einer veritablen Badewanne und der korpulente Harry sass am Boden. Ein Unglück, so unwiderstehlich komisch, dass sich alles krümmte vor Lachen. Am nächsten Tag wurden die maroden Balken ausgebaut, in einem zwölfstündigen Marathon neue wieder eingebaut - und am Abend hockte der Filzspatz wieder ruhig auf von Graffenrieds Piano.


Das Liebesleben der Hauptdarstellerinnen
In einem Antiquariat geriet Ueli Remund das Theaterstück "Rabenspiele" von Herbert Meier in die Hände, durchaus ein spielbarer Text, wie nach der Lektüre auch die übrigen Vorstandsmitglieder fanden. Um die Langeweile zu verscheuchen, inszeniert in den "Rabenspielen" eine Freundesrunde, bestehend aus Arzt, Jurist, Oberst a. D. und erfolgreichem Unternehmer im Beisein der Gattinnen regelmässig ein Gesellschaftsspiel der fiesen Art: Ein Ahnungsloser wird eingeladen - und dann wird ihm nach allen Regeln der Kunst der Prozess gemacht. Doch der Rabe, den sich die Provinzschickeria diesmal vorgeknöpft hat, entwickelt sich vom Opfer zum Unruhestifter. Die eine Dame, Freundin des Arztes, verliebt sich in ihn - und das Drama nimmt seinen Lauf.
Bald hatten wir die Besetzung beisammen, die Proben liefen an. Da verkündete besagte Dame und Hauptdarstellerin dem Ensemble eines Abends nach der Probe, sie sei schwanger. Sie habe nachgerechnet und müsse sich zum Zeitpunkt der Premiere als nicht mehr spielfähig bezeichnen. Also suchte man einen Ersatz und fand ihn auch. Und die reizvolle neue Heldin versicherte auf die scherzhafte Frage nach einer eventuellen Schwangerschaft, da brauche man sich keine Sorgen zu machen. Die Proben gingen weiter. Einen Monat später kam die Spielerin, ziemlich blass im Gesicht, vor der Probe zum Regisseur und sagte, sie müsse etwas beichten. "Nein!", rief der verzweifelt. "Doch!" hauchte sie. Hauptdarstellerin Nummer drei - sie hatte für das Rollenstudium noch einen Monat zur Verfügung - schaffte die Premiere empfängnisfrei. Beinahe hätte das Projekt Rabenspiele ein rabenschwarzes Ende genommen. Beinahe. Die Aufführung wurde zum Erfolg. Unter den Premierengästen sass auch eine bereits auffällig vollschlanke Beinah-Hauptdarstellerin.


Baum, fein tranchiert
Da offenbar niemand die Vorzüge von Ueli Remunds erstem Theaterstück mit dem komplizierten Titel " Baumschnitt oder die Nacherziehung des Friedrich Glauser“ auf Anhieb zu erkennen vermochte, inszenierte er das Stück halt selber im Sternensaal in Laupen. Wichtigster Bestandteil des Bühnenbilds ist ein Obstbaum, in dem man zum Schneiden herumklettern kann. Man hielt Ausschau nach einem geeigneten Baum und wurde fündig. Auf dem Bramberg hatte ein Bauer einen Kirschbaum gefällt und wir fragten, ob wir ihn fürs Theater verwenden dürften. Wir durften. Der Baum wurde auf einen transportfähigen Umfang gestutzt und vor dem Sternensaal zwischengelagert. Nun wollte es der Zufall, dass der Gasthof zur gleichen Zeit umgebaut wurde und auf dem Vorplatz neben dem Baum abgebrochene Balken herumlagen. Ueli schwante Übles und er sagte dem Vorarbeiter, der Baum sei nicht für die Schuttmulde, sondern fürs Bühnenbild. Zwei Tage später ging er zum Coiffeur Pippo, der schräg gegenüber dem "Sternen" seinen Salon hatte. Pippo war schon am Schneiden, als er fragte, was wir eigentlich mit dem zersägten Baum wollten. "Zersägt?" fragte Ueli. "Ja. Schau doch mal." Die Bauarbeiter hatten ganze Arbeit geleistet, den mühsam beschafften Kirschbaum, als sie mit den Balken fertig waren, in handliche Meterstücke zerschnitten und diese säuberlich aufgeschichtet. Sie hatten den Stücktitel "Baumschnitt“ leider etwas gar zu wörtlich genommen.


à suivre ...